Letzte Aktualisierung am Februar 20, 2026 by Christian Heide

Architekturliebhaber sprechen oft über Stile, als würden sie sich isoliert entwickeln: der katalanische Modernisme in einer Ecke Europas, der niederländische Expressionismus in einer anderen. Für uns sind das jedoch nicht nur Architekturstile aus Lehrbüchern – sie sind eng mit zwei Städten verbunden, die unsere Herzen erobert haben. Jedes Mal, wenn wir durch Barcelona oder Amsterdam gehen, werden wir daran erinnert, warum wir uns überhaupt in die Architektur verliebt haben.

In Barcelona ertappen wir uns dabei, ständig nach oben zu schauen, Kurven und Farben nachzuverfolgen und darüber zu staunen, wie Gebäude lebendig wirken können. In Amsterdam werden wir langsamer, um den Rhythmus des Backsteins zu bewundern, die plastisch gestalteten Eingänge, die Art, wie ganze Straßenzüge sorgfältig komponiert und doch einladend erscheinen. Diese Städte haben uns gelehrt, dass Architektur nicht nur Schutz oder Funktion bedeutet; es geht um Emotion, Identität und die Geschichten, die ein Ort durch seine Mauern erzählt.

Unsere Leidenschaft für beide Städte hat geprägt, wie wir überall auf der Welt Gebäude sehen. Sie zieht uns zu den faszinierenden Parallelen zwischen ihren architektonischen Welten – zwei unterschiedliche Sprachen, die einen ähnlichen Glauben ausdrücken: dass unsere Umgebung uns jeden Tag inspirieren sollte.

Natur, Geometrie und Fantasie in Barcelona

Bei jedem Spaziergang durch Barcelona erkennst du schnell die einzigartige Vision von Antoni Gaudí. Seine Architektur wirkt lebendig. Fassaden wellen sich, Säulen verzweigen sich wie Bäume, und Oberflächen schimmern in Farbe. Doch hinter dieser Fantasie steckt präzises Denken.

Gaudí studierte natürliche Formen – Pflanzen, Knochen, Höhlen – und übertrug ihre Logik in Konstruktionen. Er nutzte Kettenbögen und komplexe Geometrien nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch wegen ihrer Stabilität und Effizienz. In seiner Sicht hatte die Natur viele ingenieurtechnische Probleme bereits gelöst; die Aufgabe des Architekten war es, von ihr zu lernen.

Wahrzeichen wie die Sagrada Família, der Park Güell, die Casa Batlló und die Casa Milà zeigen, wie weit er diese Philosophie trieb. Skulptur, Keramik, Glasmalerei und Schmiedearbeiten sind vollständig in die Architektur integriert. Diese Gebäude sind keine neutralen Hüllen für das Leben; sie erzählen Geschichten, drücken Glauben aus und laden zum Staunen ein.

Genauso wichtig war Gaudís Wertschätzung des Handwerks. Er arbeitete eng mit Kunsthandwerkern zusammen und schätzte Handarbeit in einer Zeit wachsender Industrialisierung. Für ihn bedeutete Moderne nicht, Ornament aufzugeben – sondern es neu zu erfinden.

Backsteinexpressionismus in Amsterdam

Einige hundert Kilometer nördlich prägte eine andere, aber seltsam verwandte Energie die Architektur in Amsterdam. Die Amsterdamer Schule entwickelte zwischen etwa 1910 und 1930 einen ausdrucksstarken expressionistischen Stil. Statt Gaudís farbenfroher Mosaike und fließendem Stein arbeiteten diese Architekten vor allem mit Backstein – behandelten ihn jedoch wie ein skulpturales Material.

Komplexe Mauerwerksmuster, abgerundete Ecken, Türme und dramatische Dachlinien verwandelten gewöhnliche Gebäude in urbane Kunstwerke. Dekorative Elemente – Reliefs, Schriftzüge, Schmiedearbeiten – wurden in die Entwürfe eingewoben. Das Ergebnis war eine Architektur, die dynamisch und menschlich wirkte statt rein funktional.

Zu den führenden Vertretern gehörten Michel de Klerk, Piet Kramer und Johan van der Mey. Viele ihrer Projekte waren Wohnanlagen, die in einer Phase fortschrittlicher kommunaler Politik in den Niederlanden entstanden. Schönheit galt nicht als Luxus, sondern als öffentliches Gut.

Der Wohnkomplex Het Schip ist ein perfektes Beispiel. Mit seinen geschwungenen Formen, reichen Backsteintexturen und durchdachten Details verwandelt er Arbeiterwohnungen in etwas Würdevolles und Einprägsames. Die Bewohner waren im Alltag von Gestaltung umgeben, die Fürsorge und Kreativität vermittelte.

Gemeinsame Werte über Grenzen hinweg

Auf den ersten Blick wirken Gaudí und die Amsterdamer Schule völlig unterschiedlich. Das eine ist farbenfroh, organisch und stark mit religiöser Symbolik verbunden; das andere materiell zurückhaltender und oft mit öffentlichen Bauaufgaben verknüpft. Doch sie teilen bemerkenswerte Werte.

1. Handwerk statt Standardisierung
Beide lehnten die Idee ab, dass Industrialisierung zu eintönigen, identischen Gebäuden führen sollte. Sie feierten handwerkliches Können und den Ausdruck des Materials.

2. Architektur als Kunst
Keiner der Ansätze betrachtete Gebäude als bloße „Wohnmaschinen“. Emotion, Symbolik und Erzählkraft waren wichtig.

3. Eine Antwort auf die Moderne
Beide waren modern, aber nicht minimalistisch. Sie zeigten alternative Modernen – solche, die Ornament, Charakter und lokale Identität lebendig hielten.

4. Der Mensch zuerst
Ob Basilika oder Wohnblock: Ziel war es, zu gestalten, wie Menschen sich im Raum fühlen, nicht nur, wie effizient er funktioniert.

Wandelnde Wertschätzung

Eine Zeit lang, Mitte des 20. Jahrhunderts, gerieten diese expressiven Stile aus der Mode. Der Aufstieg eines strengen Funktionalismus ließ Ornament altmodisch erscheinen. Manche Kritiker sahen stark dekorative Architektur als übertrieben oder irrational.

Mit der Zeit änderten sich die Meinungen. Gaudí wird heute weltweit als Visionär gefeiert, und seine Werke ziehen Millionen Besucher an. Gebäude der Amsterdamer Schule stehen zunehmend unter Denkmalschutz und werden für ihre Wärme und Individualität geschätzt. In einer Zeit, in der viele Städte mit Monotonie und Austauschbarkeit kämpfen, wirken diese Bewegungen wieder erstaunlich aktuell.

Warum das heute wichtig ist

Zeitgenössische Architektur ringt oft mit Nachhaltigkeit, Identität und Lebensqualität. Die Vermächtnisse von Gaudí und der Amsterdamer Schule erinnern an einige wichtige Punkte:

  • Inspiration aus der Natur kann zu effizienten und schönen Entwürfen führen.
  • Lokale Materialien und Handwerk schaffen unverwechselbaren Charakter.
  • Wohn- und öffentliche Bauten verdienen ebenso viel Schönheit wie Monumente.
  • Städte werden reicher, wenn Architektur die Sinne und Emotionen anspricht.

Vor allem zeigen diese Traditionen, dass moderne Architektur nie eine einzige gerade Linie hin zu Glasboxen und minimalistischen Flächen war. Sie umfasste immer auch fantasievolle, poetische Wege.

Wenn du mit offenen Augen durch Barcelona oder Amsterdam gehst, siehst du mehr als historische Kuriositäten. Du siehst kühne Experimente darin, wie Architektur den Alltag bereichern kann – ein Beweis dafür, dass Kreativität und gesellschaftlicher Anspruch keine Gegensätze sein müssen, sondern Partner bei der Gestaltung der Städte, die wir lieben.

Aktivitäten in Amsterdam

The Amsterdam Feeling bietet eine Architekturführung an, bei der du mehr über die Amsterdamer Schule erfahren kannst. Während dieser 2,5-stündigen deutschen Stadtführung „Gaudí-Parallelen in Amsterdam“ zeigen wir dir die Ähnlichkeiten zu Gaudí in Barcelona auf.

Aktivitäten in Barcelona

The Barcelona Feeling bietet mit der Tour „Gaudí and Barcelona Legends“ tiefe Einblicke in die Inspiration von Architekten wie Gaudí und zeitgenössischen Architekten. Es werden Verbindungen zur lokalen Geschichte und Kultur hergestellt. Es handelt sich um einen zweistündige deutsche Stadtführung, die Dir Barcelona in einem ganz neuen Licht zeigen wird.